Auf der Spur der Persönlichkeit

Wer bin ich wirklich? Jeder Mensch ist ein einzigartiges Wesen. Der eine optimistisch, der andere pessimistisch. Einige sind gewissenhaft, andere eher unzuverlässig. Wer oder Was bestimmt das ICH? Ist unsere Persönlichkeit von Geburt an festgelegt? Sind es Gene oder Umwelt die unser ICH bestimmen?

Big Five

Die Persönlichkeit beschreibt die individuelle Ausprägung von Denk- und Verhaltensneigungen eines Menschen. Psychologen entwickelten einen Fragebogen zur Persönlichkeitsdiagnostik, der unter dem Namen des „Big Five Inventory“ in die Geschichte einging. Ein Persönlichkeitsprofil lässt sich anhand folgender Dimensionen beschreiben. (1) Extraversion zeichnet gesellige und selbstbewusste Personen aus. Ein Introvertierter verhält sich eher zurückhaltend und reserviert. (2) Neurotizismus erfasst die emotionale Labilität eines Menschen. Er bestimmt, wie stark jemand zur Launenhaftigkeit, Ängstlichkeit und Minderwertigkeitsgefühlen neigt. Der (3) Gewissenhaftigkeit steht eine unorganisierte Lebensweise gegenüber. Die (4) Offenheit für neue Erfahrungen beschreibt, wie innovativ und fantasievoll eine Person agiert. Dem gegenüber steht der Hang zu konservativen Einstellungen. Schliesslich gibt das Ausmass der (5) Verträglichkeit Auskunft darüber, wie mitfühlend und hilfsbereit eine Person ist.

Forschungsergebnisse

Ob in den USA, Japan, Kongo oder Nordkorea, findet sich jeder in den Weiten der Big Five wieder. Spannend ist der Befund der Glücksforschung, dass extravertierte Menschen glücklicher und zufriedener seien als introvertierte. Es sind auch die Extravertierten, die leichter einen Partner finden und eine Beziehung eingehen. Zudem hat man festgestellt (Rammstedt et. al., 2013), dass Beziehungen stabiler sind, wenn Paare sich im Grad ihrer Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit für neue Erfahrungen ähneln. Eine deutsche Langzeitstudie (www.diw.de/soep) fand heraus, dass zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr die Gewissenhaftigkeit rasant ansteigt, die Verträglichkeit im Verlauf des Lebens immer mehr zunimmt und im Alter die Offenheit für neue Erfahrungen mit der Zeit sinkt.

Der Sozialisationseffekt 

Wer wir sind und was wir wollen, wird auch von unserer Umwelt mitbestimmt. In einer Studie der Humbolt-Universität zu Berlin (Lüdtke et al., 2011) konnte nachgewiesen werden, dass Personen und ihre Umwelt (Familie, Beruf, Wohnort, etc.) sich wechselseitig prägen. So zum Beispiel wählen Menschen einen bestimmten Beruf, der sie mit bestimmten Anforderungen und Aufgaben konfrontiert. Indem sie sich diesen Anforderungen anpassen, verändert sich auch die Persönlichkeit, was wiederum weitere Lebensentscheidungen beeinflusst. Diesen Effekt bezeichnet die Psychologie als Sozialisationseffekt. Unsere Persönlichkeit wird auch von unseren Erfahrungen geprägt. Zum Beispiel die Vaterschaft. Gemäss einer US Studie (Gettler, L.T. et al. 2011) verändere die Geburt eines Kindes nicht nur die Persönlichkeit von Männern sondern auch deren Hormonhaushalt. Der Testosteronspiegel der Männer sank nach der Geburt des Kindes deutlich ab. Ein weiteres Beispiel bildet die feste Partnerschaft. Wissenschaftler der Universität Jena konnten in einer Längsschnittstudie nachweisen, dass sich die Persönlichkeit in einer festen Partnerschaft zum Positiven verändert. Beide Partner würden weniger neurotisch.

Gene oder Umwelt

Mitte der 90iger Jahre fanden Forscher (Lesch, K.-P. et. al., 1996) auf dem menschlichen Chromosomen 17 ein Gen namens 5-HTT, das für den Rücktransport des Gehirnbotenstoffes Serotonin aus dem Spalt (synaptischer Spalt) zwischen den einzelnen Hirnzellen verantwortlich ist. Dies führe dazu, dass die neuronale Erregung im Hirn abgebaut wird. Zudem stellten sie fest, dass es zwei Varianten dieses Gens gab: eine kurze und eine lange. Da jeder Mensch das Erbgut zweimal erbt, sind mehrere Genvariationen (kk/ll/kl/lk) der Vererbung möglich. Als man noch die Persönlichkeitsmerkmale der Versuchspersonen erhob, zeigte sich, dass Personen die eine kurze Genvariante des 5HTT geerbt hatten, häufiger bei Stress unter Ängstlichkeit litten und vermehrt Depressionen entwickelten. In Kanada fanden Forscher jedoch heraus, dass mütterliche Zärtlichkeit als Schutzfaktor gegen die Depressionsneigung wirken könne, indem ein Antistressgen durch die emotionale und körperliche Zuwendung angeschaltet wird (Meaney, M. et. al. 2009).

Fazit

Es sind das Erbgut, die Erfahrungen, die Beziehungen und die Umwelt, die bestimmen, wer wir sind und was wir wollen. Wir sind nicht ein für alle Mal festgelegt und dürfen uns freuen, jeden Tag als neue Chance wahrzunehmen, um an unserer Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten.

Credit: Robbie Pfandl