Körperliche Bewegung – ein Heilmittel gegen Müdigkeit?

Bewegung bei Darmkrebspatienten während der Behandlung

Autor: Vivien Gireg

Fuß, Abstandhalter, Der Pfad, Senior, Zusammen

Das kolorektale Karzinom gehört zu den drei häufigsten Krebsarten weltweit. Allein 2018 gab es über 1,8 Millionen neu diagnostizierte Fälle (Global Cancer Observatory, 2019). Der Darmkrebs beginnt als ein verstärktes Gewebswachstum in der Innenschicht des Kolons oder des Rektums. Dieses Gewebswachstum, auch Polyp genannt, kann bösartig werden und folglich in Blut- oder Lymphgefäße einwachsen und sich dadurch im Körper verteilen und metastasieren (Marley & Nan, 2016). Die Überlebensrate ist zwar durch die medizinischen Fortschritte gestiegen, jedoch erleben die Patienten dabei schwerwiegende Symptome (Macleod et al., 2017, S. 1).

Eines der häufigsten Symptome, die Patienten mit dieser Art von Krebs erleben, ist die Fatigue (Aapro, Scotte, Bouillet, Currow & Vigano, 2016). Anders als die Müdigkeit, die eine gesunde Person verspürt, lässt sich die Krebs-assoziierte Erschöpfung oder Fatigue durch Schlaf nicht verbessern und kann von der Erstdiagnose bis Jahre nach Behandlungsabschluss persistieren, wobei sie meistens während der Behandlungszeit am stärksten vorhanden ist (Bower, 2014). Das konstante Gefühl der Müdigkeit reduziert die Qualität des Lebens dieser Patienten stark. In einem qualitativen Review beschrieben Patienten mit Krebs die Krebs-assoziierte Fatigue als überwältigend und allumfassend, als ob jemand das Ladekabel aus der Steckdose gezogen hätte oder der Sprit ausgegangen wäre. Ganz einfache Tätigkeiten wie Essen zu sich zu nehmen, zu gehen oder ganz einfach den Fernseher einzuschalten sind durch die Müdigkeit zur Herausforderung geworden. Am häufigsten erwähnten die Patienten den emotionalen Frust den sie durch die Limitationen in körperlichen, kognitiven und sozialen Aspekten verspürten (Scott, Lasch, Barsevick & Piault-Louis, 2011). 

Es gibt Möglichkeiten, diesem Symptom entgegenzuwirken und dadurch die Qualität des Lebens dieser Menschen zu verbessern. Vor allem in der Behandlungszeit, in der die Patienten am meisten unter der Fatigue leiden, ist eine Hilfestellung besonders wichtig. Auch wenn es paradox scheint, stellte sich durch die Forschung in den letzten drei Jahrzehnten Bewegung als ein effektives und sicheres Mittel gegen Krebs-assoziierte Fatigue heraus (Nyrop et al., 2016, Rock et al., 2012). In meiner Abschlussarbeit für den Bachelor in Pflegewissenschaft habe ich eine Literaturrecherche zu diesem Thema in den Datenbanken Medline (via PubMed), Cochrane Library und CINAHL complete (via Ebsco Host) in Deutsch und in Englisch im Zeitraum von April bis Juni 2019 durchgeführt. Ich habe insgesamt acht Studien gefunden, die die Auswirkung einer Bewegungsintervention bei Darmkrebspatienten auf deren Fatigue erforschten. Ich schloss nur Studien ein, bei denen die Darmkrebspatienten noch eine Behandlung erhielten, entweder eine Chemo- oder Strahlentherapie, da die Fatigue in der Behandlungszeit am Stärksten sein soll. 

In allen Studien übten die Teilnehmer Aerobic- und Widerstandsübungen aus, jedoch variierte die Intensität von niedrig bis hoch. Bewegungsübungen von niedriger Intensität sind Übungen mit einem Intensitätslevel von 12-14 auf der Borg Skala (van Waart et a., 2018). Das bedeutet, dass die Betroffenen sich für das Training ein wenig anstrengen müssen, sie sich dabei jedoch gut in der Lage fühlen, die Bewegungsübungen fortzusetzen und nicht außer Atem kommen (Williams, 2017). Ein Beispiel dafür wäre Brisk Walking. Die Übungen mittlerer Intensität haben in den Studien ein Intensitätslevel bis 15, und die der hohen Intensität bis 16 auf der Borg Skala (Lin et al., 2014; van Waart et al., 2018). Übungen hoher Intensität bedürfen einer enormen Anstrengung, Herz- und Atemfrequenz sind sehr hoch. Beispiele dafür sind Fahrradfahren oder Schwimmen (Borg, 1982). 

Die Patienten, die Bewegungsübungen niedriger Intensität durchführten, erzielten die besten Ergebnisse, vor allem auf die körperliche und mentale Fatigue bezogen (Shariati et al., 2010, van Waart et al., 2018). Ein Bewegungsprogramm mit mittel-intensiven Übungen machen in den Studien von Lin et al. (2014) und Singh et al. (2018) einen mäßigen bis gar keinen Unterschied auf das Fatigue-Level der Patienten. Intensive Bewegungsübungen können laut der Studie von van Waart et al (2018) zu einer Verbesserung der körperlichen Fatigue führen, jedoch die bereits reduzierte Aktivität der Patienten noch stärker reduzieren.

Außerdem trainierten die Teilnehmer in den Studien unterschiedlich lange, die Trainigsdauer reichte von vier Wochen bis 18 Wochen. Je länger die Patienten Sport betrieben, desto eher verbesserte sich ihre Müdigkeit (Lu et al., 2019, van Vulpen et al., 2015). Das Verhältnis der Patienten mit einer milden, moderaten und starken Fatigue veränderte sich bei den Patienten, die trainierten, signifikant (p<0,01) (Lu et al., 2019). Jedoch variiert nicht nur die Anzahl der Wochen, sondern auch die Bewegungsdauer pro Woche. Drei Studien erforschten Bewegung von bis zu 120 Minuten pro Woche. Zwei Studien befassten sich mit 150 Minuten an Bewegung pro Woche und drei weitere mit über 180 Minuten an wöchentlicher körperlicher Aktivität. Zwei Stunden an Bewegung pro Woche erzielte nur in einer von drei Studien eine signifikante Verbesserung der Fatigue (Brunet et al, 2017; Lin et al., 2014; Shariati et al., 2010). Eine von zwei Teilnehmergruppen konnte Verbesserungen der Müdigkeit bei bis zu 150 Minuten an Sport pro Woche erreichen (Singh et al. 2018; van Waart et al., 2018). Jedoch stellten die Patienten aller drei Interventionsgruppen, die mehr als 180 Minuten an Sport pro Woche betrieben, signifikante Verbesserungen der Müdigkeit fest (Lu et al., 2019; van Vulpen et al., 2015; van Waart et al, 2018).

Auch der Betreuungsgrad der Interventionen wurde in den Studien unterschiedlich gewählt. Eine Interventionsgruppe von Cheong et al. (2018) und van Waart et al. (2018) wurde von Krankenpflegern oder Physiotherapeuten professionell beraten, bei den Übungen jedoch nicht persönlich betreut. Die Fatigue der Patienten verbesserte sich in beiden Studien nach der Intervention. Betreute sowie teilweise betreute Bewegungstrainings wirkten sich im Vergleich dazu nicht in allen inkludierten Studien, die diese Interventionen durchführten, positiv aus (Brunet et al., 2017; Lin et al., 2014; Singh et al., 2018). Bei Patienten mit Darmkrebs, die sich einer Chemotherapie unterziehen, wird aufgrund ihres höheren Alters und der Toxizität der Chemotherapie eine geringere Einhaltung eines herkömmlichen Programms erwartet (Cheong et al., 2018). Aus diesem Grund kann es sein, dass ein Programm mit viel individuellem Management besser für Darmkrebspatienten geeignet ist. Zudem erhöht ein zuhause durchführbares Trainingsprogramm auch die Compliance der Krebspatienten (Windsor et al., 2004).

Schlussfolgerung

Die Bewegung ist ein sicheres und effektives Mittel gegen das belastende Symptom Fatigue und die Patienten sollten von den Ärzten, Pflegern und anderen Mitarbeitern in der Gesundheitsbranche darüber informiert werden. Auf den onkologischen Stationen werden die Patienten von dem Gesundheitspersonal jedoch eher selten zu körperlicher Aktivität motiviert (Nyrop et al., 2016). Dabei ist die Fatigue vor allem in der Behandlungszeit, in der sich die Patienten dort ambulant oder stationär aufhalten, am schwerwiegendsten (Bower, 2014). Oftmals liegt es daran, dass das Personal die Patienten als zu alt, unsportlich oder ungeeignet für ein Bewegungsprogramm erachtet, da Darmkrebspatienten häufig ein hohes Alter und mehr postoperative Komplikationen als zum Beispiel Brustkrebspatienten haben (van Waart et al., 2018). Doch nachdem Sie diesen Artikel nun gelesen haben, haben Sie einige Quellen zur Hand, bei denen Sie sich noch ins Detail informieren können, um Ihren Patienten in dieser schwierigen Lage professionelle Hilfe zur Selbsthilfe geben können. Die Zeit und Motivation für Bewegung aufzubringen ist vor allem für Patienten, die berufliche und familiäre Verpflichtungen haben, schwierig. Gerade deswegen ist es wichtig, dass diese von ihren professionellen Betreuern über Mittel informiert werden, mit denen sie sich selber helfen können und welche die Qualität ihres Lebens steigern (Nyrop et al., 2016). 

Literaturverzeichnis

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Cheong, I. Y., An, S. Y., Cha, W. C., Rha, M. Y., Kim, S. T., Chang, D. K., & Hwang, J. H. (2018). Efficacy of Mobile Health Care Application and Wearable Device in Improvement of Physical Performance in Colorectal Cancer Patients Undergoing Chemotherapy. Clinical Colorectal Cancer, 17(2), 353-362. 

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